Kunst und breite Maß/sse

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Kein Massenblatt, dass dieser Tage nicht über die am Sonntag eröffnete Nahezu-Gesamtschau zum 80. Geburtstags von Malerfürst Gerhard Richter in der Berliner Neuen Nationalgalerie berichtet hätte. Sparen wir uns an dieser Stelle vergleichbare Hymnen auf das Werk des am teuersten gehandelten noch lebenden Malers der Welt, der mit seinem verwaschenen Superrealismus und dessen gleichzeitiger Destruktion Mitte/Ende der 1970er Jahre weltberühmt wurde. Sehenswert ist es allemal. Ein Wermutstropfen allerdings, den auch die Berliner Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe vermeldet (“In Thermohosen zu Gerhard Richter”): der Hype, der Run und die Unfähigkeit ihm organisatorisch Herr zu werden. Während Richters spektrale Aufrasterungen als Miniaturen bereits von Weitem die riesigen Verglasungen des Berliner Mies-Baus in alle Himmelsrichtungen durchbrechen, geht es im Inneren des Bienenkorbs tatsächlich zu wie in einem solchen. Die Szene erinnert an das zeitgleich mit Kind und Kegel stattfindende Hamburger Eisvergnügen; in Berlin heißt der Sonntagsausflug an diesem ersten Ausstellungstag indes Gerhard Richter – und endet im Gerangel. Bei solch massen- und ansturmhafter Bildbetrachtung geht Richters Kunst trotz des beachtlichen Ausstellungsaufbaus beinahe unter. Am Ende verkommt sie zum flüchtigen Objekt eines voyeuristischen Parcours der Massen, die der Veranstalter offenbar nicht imstande ist, zu kanalisieren. Den Besucher aber so durch den Ausstellungsraum zu leiten, wie es der Kunst, dem Maler, aber auch dem Publikum gerecht würde: Das ist nun einmal die Aufgabe eines solide funktionierenden Ausstellungskonzepts. Dieses ist hier (zunächst) gänzlich missraten! Es bleibt zu hoffen, dass sich nicht etwa der Ansturm legt. Sondern dass sich die Macher ihrer Organisationsverantwortung bewusst werden. Dann könnte es doch noch eine großartige Schau werden. Wir raten: erst mal abzuwarten.

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So beschaulich wie abgebildet dürfte man die Nationalgalerie in den kommenden Wochen eher nicht erleben.

Gerhard Richer
Panorama
(145 Werke und Skulpturen)
Neue Nationalgalerie Berlin
12. Februar bis 13. Mai 2012

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